Nr. 8/09/12 Rede des Bundespräsidenten in der Theresianischen Militärakademie

Sehr geehrter Herr Bundesminister! Sehr geehrter Herr Generalstabschef! Sehr geehrte Fest- und Ehrengäste! Meine sehr geehrten Damen und Herren des Ausmusterungsjahrganges 2012!
Mit dem Namen Ihres Jahrganges, Hauptmann Hermann Kirchner, ist die Erinnerung an einen Träger des Militär-Maria Theresien-Ordens verbunden, der sich besondere Verdienste im militärischen und militärwissenschaftlichen Bereich erworben hat. Er wurde übrigens vor genau 100 Jahren – 1912 – zum Leutnant befördert. Wie bei den meisten Offizieren der Monarchie war auch bei Kirchner eine starke multinationale Orientierung gegeben – eine Tugend, die auch heute für unsere Soldatinnen und Soldaten eine wichtige Voraussetzung zur Bewältigung der vielfältigen Anforderungen darstellt.
Es ist nun 55 Jahre her, dass im Bundesheer der Zweiten Republik die erste Ausmusterung von Militärakademikern – damals noch in ENNS – erfolgte. Und vor nunmehr 15 Jahren erging der Bescheid des Fachhochschulrates zur Anerkennung der Theresianischen Militärakademie als Fachhochschul-Studiengang „Militärische Führung“. Orte und Bezeichnungen mögen sich ändern, aber eines hat Bestand: Die Theresianische Militärakademie stellt die primäre Ausbildungsstätte unserer Offiziere dar – nicht nur durch einen Unterricht nach den jeweils neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und Lehren, sondern auch in der Erziehung zu verantwortungsbewussten Handeln und Führen.
Das Aufgabenspektrum der Soldatinnen und Soldaten umfasst nicht nur Schutz und Hilfe – national wie international – sondern verlangt insbesondere bei Auslandseinsätzen verstärkt interkulturelle Kompetenz. Internationale Kooperationen schaffen die Basis für eine friedliche Entwicklung, für Konfliktprävention und damit für ein stabiles Umfeld. Erreicht wird dies einerseits durch Friedensmissionen der Vereinten Nationen, andererseits hat auch die Europäische Union als Schwerpunkt der gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik ein Instrument zur Bewältigung krisenhafter Entwicklungen geschaffen – die schnell verlegbaren Gefechtsverbände. An einer dieser sogenannten EU-battlegroups ist Österreich gegenwärtig maßgeblich beteiligt. Gemessen an der Einwohnerzahl leistet Österreich mit mehr als 1300 permanent im Auslandseinsatz befindlichen Soldatinnen und Soldaten einen außerordentlichen Beitrag bei internationalen Friedensmissionen, wofür ich meinen höchsten Respekt ausdrücken möchte.
Aber nicht nur international, auch in der Heimat bietet das Österreichische Bundesheer seinem Motto entsprechend Schutz und Hilfe. Ob Hochwasserhilfe, Brandbekämpfung, Schneeräumung, das Bergen von Verschütteten oder die Beseitigung von Sturmschäden – unsere Soldatinnen und Soldaten einschließlich der Präsenzdiener sind immer zur Stelle, wenn in Not befindliche Menschen, Behörden oder Institutionen auf zusätzliche Unterstützung angewiesen sind.
Unser Bundesheer erbringt all diese Leistungen in professioneller und von allen Seiten anerkannter Art und Weise. Auch dafür meine respektvolle Anerkennung und den Dank der gesamten Bevölkerung.

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Da der heutige Festakt junge Offiziere, also künftige Führungskräfte des österreichischen Bundesheeres, in den Mittelpunkt stellt, möchte ich auch zu der bevorstehenden Volksbefragung über das Wehrsystem, die natürlich für das österreichische Bundesheer von großer Bedeutung ist, einige Worte sagen. Ich begrüße es, dass eine Volksbefragung den Weg für die notwendigen weiteren Entscheidungen zur Zukunft des Bundesheeres frei machen wird. Die Frage Wehrpflicht oder Berufsarmee bedarf einer klaren Antwort und darf nicht weiter verschleppt werden, wenn man Schaden vermeiden will. Ich selbst habe meine Haltung zum Thema Wehrpflicht nicht geändert und die Österreicherinnen und Österreicher sind verantwortungsbewusste und mündige Bürger, die einer Stimmempfehlung nicht bedürfen. Sehr wohl habe ich aber für die verbleibende Zeit bis zur Volksbefragung klare Vorstellungen, wie die Diskussion geführt werden soll. Es darf erwartet werden, dass diese Diskussion sachlich, auf der Basis konkreter und korrekter Daten und Fakten geführt wird, denn Fragen der Sicherheits- Verteidigungspolitik sind zu bedeutend, um polemisch diskutiert zu werden. Auch darf man sich nicht dem Irrglauben hingeben, dass ein allfälliger Wechsel des Wehrsystems per se eine Reform des Bundesheeres darstellt.
Eine Reform ist in jedem Fall notwendig.
Mit anderen Worten: Wenn sich in der Volksbefragung eine Mehrheit für die Beibehaltung der Wehrpflicht entscheidet, wird es dennoch wohlüberlegter Reformen bedürfen, um das Beste aus unserem derzeitigen bewährten Mischsystem aus Berufssoldaten, Wehrpflichtigen und Miliz herauszuholen und das Bundesheer in seinen Strukturen auf künftige Herausforderungen auszurichten.
Und wenn sich eine Mehrheit für ein Berufsheer entscheidet, wäre zur Realisierung dieser neuen Struktur eine Vielzahl weiterer Entscheidungen und vor allem auch legistischer Maßnahmen notwendig, um aus einer grundsätzlichen Weichenstellung ein neues konkretes, funktionsfähiges Wehrsystem zu machen. In beiden Fällen sollten die notwendigen Reformen mit der Beschlussfassung der im Parlament in Verhandlung befindlichen Sicherheitsstrategie synchronisiert werden. Was mit Sicherheit niemandem dienen kann, ist die bisher vom Bundesheer im In- und Ausland erbrachten Leistungen herabzusetzen. In diesem Sinne erwarte ich mir von den Offizieren des österreichischen Bundesheeres in allen Rängen Sachlichkeit und Professionalität bei allen Gesprächen und Diskussionen.

Meine Damen und Herren Offiziere des Jahrganges Hauptmann Hermann Kirchner! Sie beenden mit dem heutigen Tag den Fachhochschul-Bachelor-Studiengang „Militärische Führung“. Es wurde Ihnen das erforderliche Wissen und Können für Ihren verantwortungsvollen Beruf vermittelt. Sie werden in den unterschiedlichsten Funktionen Führungsverantwortung übernehmen und sowohl national als auch international dazu beitragen, dass Frieden und Sicherheit in unserer Heimat und in Europa erhalten bleiben. Sie bekennen sich zur demokratischen Republik, und Sie haben gelernt, als Offiziere den Menschen in den Mittelpunkt Ihres Denkens und Handelns zu stellen. Ich danke Ihnen, dass Sie bereit sind, als Offiziere dem österreichischen Bundesheer und unserer Republik zu dienen. In gleicher Weise formuliere ich auch meinen Dank an die Leutnante des Milizstandes, die bereit sind, neben ihrem zivilen Beruf als Offiziere der Heimat zu dienen. Ebenso gilt mein Dank allen Angehörigen der Theresianischen Militärakademie, Professoren und Lehrern, die an der exzellenten Ausbildung unserer Offiziere mitwirken.

Herr Bundesminister! Geschätzte Anwesende! Am Ende meiner Ausführungen steht eine – inzwischen zur Tradition gewordene – symbolische Geste: Es ist mir eine Ehre, als Bundespräsident den von mir gestifteten Ehrensäbel dem Jahrgangsersten, stellvertretend für den gesamten Ausmusterungsjahrgang, zu überreichen und ich lade den Jahrgangsersten ein, diesen Ehrensäbel zu übernehmen.

Es lebe das Österreichische Bundesheer!

Es lebe unsere Heimat, die Republik Österreich!
Quelle: http://www.bundespraesident.at/

Powered by Martin HEINRICH