Deutsche Soldaten unzufrieden mit Bundeswehrreform

„Der Standard“  7. September 2012

Umfrage belegt ausgeprägten Frust – Auch Wehrbeauftragter beklagt Defizite bei Vermittlung – Ministerium sieht Reform „auf gutem Weg“

Berlin – Während in Österreich über eine Heeresreform noch diskutiert wird, ist sie in Deutschland bereits voll im Gang -und stößt in der Truppe auf breite Ablehnung. Das ist zumindest das Ergebnis einer Umfrage des Bundeswehrverbandes unter Führungskräften der Armee, wie die ARD-„Tagesschau“ am Donnerstagabend berichtete. Während auch der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus massive Defizite bei der Vermittlung der Reform in die Truppe beklagt, sieht man sie im Verteidigungsministerium ungebrochen auf gutem Weg.

Laut der Umfrage glauben neun von zehn Befragten, dass die Reform von Verteidigungsminister Thomas de Maiziere (CDU) einer baldigen Korrektur bedarf und nicht von Dauer sein wird.
„Die Enttäuschung ist riesig“, sagte Verbandschef Ulrich Kirsch der ARD. „Jetzt muss dringend mit den Soldaten gesprochen werden, um zu ergründen, warum sie zu einem so harten Urteil kommen.“ Bisher geschehe dies nicht in ausreichendem Maße. Kirsch sieht Nachbesserungsbedarf vor allem bei sogenannten weichen Faktoren: So lasse die Vereinbarkeit von Dienst in der Armee und Familienleben immer noch sehr zu wünschen übrig. Dies bestätige auch die Umfrage.

Zu der im Frühjahr 2010 noch vom damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) auf den Weg gebrachten Reform gehört die Aussetzung der Wehrpflicht Mitte 2011, die durch einen freiwilligen Wehrdienst ersetzt wurde. Zudem soll bis 2017 ein Personalabbau auf 170.000 Soldaten und bis zu 15.000 freiwillig Wehrdienst Leistende vollzogen werden. Etwa 30 Standorte sollen geschlossen werden. 2010 hatte die Bundeswehr noch 250.000 Soldaten.

„Die Soldatinnen und Soldaten empfinden die interne Kommunikation als völlig unzureichend“, erklärte Königshaus am Freitag. „Sie sind unzufrieden, weil sie sich nicht mitgenommen fühlen – das trifft sowohl auf die Planung der Reform als auch auf die jetzt laufende Umsetzung zu.“ Es genüge nicht, den „Spießen“ (mittlere Führungsebene) 80 Seiten Gesetze zu schicken und darauf zu vertrauen, dass sie die Sache schon richten. „Das ist eine Überforderung der Truppe.“

„Insgesamt wird deutlich, dass die generelle Richtung stimmt“, legte dagegen ein Sprecher des Verteidigungsministeriums am Freitag die Studie des Bundeswehrverbandes aus. Dass mit einer solch umfassenden Neustrukturierung auch ein Gefühl der Unsicherheit bei den Soldaten einhergehe, sei zu erwarten gewesen. „Es muss uns aber nachdenklich stimmen, dass nur die Hälfte der Befragten die Umsetzung der Neuausrichtung als positiv bewertet und sogar größeren Handlungsbedarf als zuvor sieht.“ (APA, 7.9.2012)

 

 

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