Nr. 11/01/11 Probleme mit Freiwilligenrekrutierung

USA nehmen Vorbestrafte auf

Auch wenn es Befürworter eines Berufsheeres oft bestreiten: Die Abschaffung der Wehrpflicht hat in sehr vielen Ländern zu gravierenden Rekrutierungsproblemen geführt. Infolgedessen sank die Qualität der Rekruten. So wurden etwa in Spanien die geistigen Anforderungen für die Aufnahme in die Armee gesenkt, Großbritannien musste schon in Gefängnissen, unter Obdachlosen und in Pubs rekrutieren, und die USA nehmen immer mehr Vorbestrafte auf.

Um dieses Problem möglichst gering zu halten, muss die Armee sehr gut zahlen und sonstige Anreize bzw. Privilegien bieten. Aber selbst das ist kein Garant dafür, dass sich genug Willige finden. So schafft es Spanien trotz hoher Arbeitslosigkeit nicht, genug Soldaten zu finden, und senkte vor Jahren den notwendigen Intelligenzquotienten für Rekruten von 90 auf 70 – das ist die Grenze zur Debilität. Später wurde wieder auf 80 erhöht. Die Armee rekrutiert zusätzlich in südamerikanischen Staaten und bei arbeitslosen Frauen. Der Frauenanteil ist mit etwa 13 Prozent der höchste in Europa.

Auch Luxemburg, Belgien und Großbritannien rekrutieren Soldaten aus dem Ausland, die Briten etwa aus den früheren Kolonien.

Schweden: Nur halb so viele wie benötigt

Auch in Schweden, dem Vorbildland von Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) in Sachen Berufsheer, läuft die Rekrutierung von Freiwilligen nach der Abschaffung der Wehrpflicht nur schleppend an. Von den bis zum Jahreswechsel benötigten 5.300 Freiwilligen konnte nur die Hälfte angeworben werden.

GB und USA: Kriege halten Freiwillige fern

Besonders große Rekrutierungsprobleme bekamen Briten und Amerikaner infolge der Kriege im Irak und in Afghanistan. 2005 war in Großbritannien davon die Rede, dass die Territorial Army (TA) an ihrem Tiefpunkt angelangt sei und die Bodentruppen nicht einmal die Hälfte der benötigten Rekruten bekommen. 2007 wurde in einem Parlamentsbericht sogar die Einsatzfähigkeit der britischen Armee infrage gestellt.

Im gleichen Jahr war auch die US-Armee gezwungen, mit saftigen Prämien Soldaten anzuwerben. Wer innerhalb von 30 Tagen mit der Grundausbildung begann, bekam 20.000 Dollar Prämie. Diese Summe überstieg in den meisten Fällen den gesamten Jahressold eines Rekruten. Das alleine scheint aber nicht gereicht zu haben, denn die US-Armee nahm gleichzeitig auch immer mehr Vorbestrafte auf. Die Zahl der Ausnahmegenehmigungen, die für die Aufnahme von Rekruten mit Vorstrafenregister benötigt werden, stieg 2007 nach Medienberichten um ein Viertel.

In Zusammenhang mit den Rekrutierungsproblemen werden auch die diversen Missbrauchsfälle im Irak und in Afghanistan gesehen. So bezeichnete etwa der ehemalige deutsche Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) die allgemeine Wehrpflicht als „Schutzwall gegen solche Vorkommnisse“. Der Chef des deutschen Bundeswehrverbands, Bernhard Gertz, meinte gar: „Wer beim ‚Schrott der Gesellschaft‘ Nachwuchswerbung betreibt und dann mit diesen Menschen in den Krieg zieht, braucht sich nicht zu wundern, wenn Exzesse beinahe zum Alltag gehören.“

Milizverband fürchtet Armee aus „Unterschichten“

Vor einem Abfall der Qualität der Soldaten durch die Abschaffung der Wehrpflicht warnte in Österreich kürzlich der Milizverband. Die Armee würde sich dann aus „Rand- und Unterschichten“ rekrutieren, mit denen die jetzigen Milizsoldaten nichts zu tun haben wollten. Die Befürchtung, nur noch Leute zu bekommen, die auf dem Arbeitsmarkt nicht bestehen können, gibt es im Übrigen auch betreffend Zivildienst.

Gates warnt vor wachsender Distanz

Eine bemerkenswerte Aussage traf in diesem Zusammenhang US-Verteidigungsminister Robert Gates im Vorjahr. Eine reine Freiwilligenarmee berge immer die Gefahr der wachsenden Distanz zwischen Gesellschaft und Militär. „Mit der Zeit besteht das Risiko, das sich ein Kader von Militärführern herausbildet, der politisch, kulturell und geografisch immer weniger gemein hat mit den Leuten, auf deren Verteidigung sie ihren Eid abgelegt haben.“

In den USA beispielsweise kämen überdurchschnittlich viele Freiwillige aus konservativen ländlichen Gebieten und aus den ebenfalls konservativen Südstaaten. Zu wenige Soldaten kämen hingegen aus den moderneren Küstenstaaten und aus Großstädten. Er rief daher die Absolventen von Eliteuniversitäten in den USA auf, sich in größerer Zahl zum Armee-Einsatz zu melden. Eine Rückkehr zur allgemeinen Wehrpflicht, die in den 70er Jahren nach dem Vietnam-Krieg abgeschafft worden war, schloss Gates aber aus.
(ORF/APA)

Powered by Martin HEINRICH