Nr. 03/01/11 Wehrpflicht unverzichtbar – Interview mit dem Generalsekretär der ÖOG

Frage: Herr Generalmajor wie stehen Sie persönlich zur Wehrpflicht?
Bauer: Für mich persönlich ist die Wehrpflicht unverzichtbar. Nur durch die Wehrpflicht verfügt das Österreichische Bundesheer über eine ausreichende Anzahl von Soldaten um alle Aufträge wie bisher zu erfüllen.

Gerade in Tirol, wo die Unterstützung von sportlichen Großveranstaltungen, wie z. B. Kitzbühel oder die kommende 1. Jugendwinterolympiade, eine besondere Rolle spielen und den Einsatz von qualifizierten Gebirgsjägern erfordern, ist die ausreichende Verfügbarkeit von entscheidender Bedeutung. Ich sehe auch eine Gefahr, im Falle der in Tirol immer wieder auftauchenden Naturgefahren, wie Lawinen und Hochwasser, ohne das Potential der Wehrpflichtigen nicht ausreichend bewältigen zu können. Es ist unmöglich, die mehr als 20.000 Wehrpflichtigen pro Jahr durch Freiwillige oder Berufssoldaten zu ersetzen.

Frage: Sie deklarieren sich ein eindeutiger Wehrpflichtbefürworter. Gibt es für Sie auch noch andere Gründe sich für die Wehrpflicht einzusetzen?
Bauer: Ja, selbstverständlich. Es ist für mich von entscheidender Bedeutung, den männlichen Staatsbürger mit dem Wehrgedanken vertraut zu machen und ihm bewusst zu machen, dass jeder Einzelne Mitverantwortung für die Sicherheit seiner Heimat zu tragen hat. Ich spreche hier von einem ehrenvollen Recht, die Waffe zum Schutz unseres Staates und seines Volkes einzusetzen. Ich bin auch überzeugt davon, dass das Niveau und das Leistungsvermögen eines Bundesheeres auf Basis der Wehrpflicht wesentlich höher anzusetzen ist. Dazu kommt auch noch, dass die Masse unseres Nachwuchses und des Kaderpersonals erst im Zuge der Erfüllung ihrer Wehrpflicht dien Entscheidung treffen, beim Bundesheer zu bleiben. Insofern scheint unsere Organisation wesentlich besser zu sein, als es in der veröffentlichten Meinung teilweise wahrgenommen wird.

Frage: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Wehrpflicht und Miliz?
Bauer: Ja natürlich. Nur über die Miliz ist das Österreichische Bundesheer in der Lage eine Landesverteidigung und alle weiteren Aufgaben erfüllen zu können. So befinden sich viele Milizsoldaten in den für Österreich wichtigen Auslandseinsätzen und bildet die Miliz nach wie vor die Masse unseres Heeres. Die derzeit gegebene Freiwilligkeit zur Milizverpflichtung erfolgt ebenfalls aus den positiven Erfahrungen des Präsenzdienstes heraus. Fällt die Wehrpflicht, würde uns dieses wertvolle Potenzial verloren gehen.

Frage: Die jungen Leute klagen immer wieder über die nutzlose Zeit und den Leerlauf beim Bundesheer.
Bauer: Auch hier liegt die Wahrheit sicherlich anders als sie im Allgemeinen wahrgenommen wird. Leider sehen wir uns einer schweigenden Mehrheit gegenüber, die den Dienst beim Bundesheer durchaus als sinnvoll empfindet. Diese Mehrheit erlebt meist eine gute Kameradschaft, die oft weit über die Präsenzdienstzeit hinausgeht und empfindet den Dienst, wenn schon nicht lustvoll, so zumindest als sinnvoll. Gott sei Dank leben wir in friedlichen Zeiten und besteht daher keine Notwendigkeit das Bundesheer für kriegerische Ereignisse zum Einsatz zu bringen. Ich bin auch überzeugt davon, dass die präsente Fähigkeit jederzeit in den Einsatz treten zu können, einen großen Anteil am Frieden hat. Ich erinnere an unsere Slogan „Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“. Insofern besteht das Wesen des Präsenzdienstes natürlich in aller erster Linie darin, präsent zu sein, was auch in der Aufschrift unserer Wehrdiensterinnerungsmedaille zum Ausdruck kommt: „Stets bereit“.
In so einer großen Organisation gibt es natürlich auch viele Aufgaben, die nicht unbedingt sofort mit dem Soldaten assoziiert werden, aber trotzdem getan werden müssen. Ich denke da an das Putzen und Reinigen oder die Hilfsdienste in der Küche. Mir ist schon klar, dass wenn ein Rekrut seine Präsenzdienstzeit ausschließlich im Küchenhilfsdienst versieht, er diesen Dienst als nicht befriedigend erlebt, wenn gleich dieser Dienst zum Erhalt des Systems unabdingbar ist. Es ist also wichtig, dass sich ein Rekrut als Teil des Systems begreift und unabhängig von der Attraktivität seiner Aufgabe deren Wert erkennt.

Frage: Könnte eine Berufsarmee die Aufgaben nicht viel besser erfüllen?
Bauer: Die Antwort ist ja und nein. Ja, weil komplexe militärische Aufgabenstellungen wahrscheinlich durch Berufssoldaten, die nichts anderes tun, professioneller wahrgenommen werden würden. Nein, weil wir aus Studienwissen, dass das Aufkommen von Interessenten in unserem kleinen Staat weit unter dem Bedarf für die gestellten Aufgaben, z. B. Katastrophenhilfe, liegen würde. Wir hätten einfach zu wenig Soldaten um alle Einsätze die wir in den letzten Jahren durchgeführt haben, zu erfüllen.

Frage: Es gibt doch eine allgemeine Tendenz bei anderen Staaten, auch bei unseren Nachbarn, von der Wehrpflicht abzugehen und ein Berufsheer zu schaffen.
Bauer: Meines Wissens denkt die Schweiz nicht im Entferntesten daran, von diesem bewährten System abzugehen und die anderen Staaten, wenn ich an Deutschland oder Italien denke, sind von ihrer Größe und ihrer Struktur her, nicht mit Österreich vergleichbar. Beispielsweise gibt es in Deutschland ein Technisches Hilfswerk, das nach der Feuerwehr und vor der Bundeswehr zur Bewältigung von Katastrophen herangezogen wird. Diese Ebene gibt es in Österreich nicht, hier kommt immer gleich das Bundesheer zur Verstärkung der zivilen Kräfte zum Einsatz. Mit einem reinen Berufsheer wäre das nicht leistbar.

Frage: Wie sehen Sie die Verankerung des Bundesheeres in der Bevölkerung?
Bauer: Die Wehrpflicht stellt sicher, dass fast jede Familie in Österreich auf irgendeine Art und Weise mit dem Bundesheer in Berührung kommt. Dadurch wird bewusst gemacht, dass die Sicherheit des Staates uns alle angeht und auch nur gemeinsam garantiert werden kann. Auch hier zeigen die Großveranstaltungen wie der 26. Oktober in Wien mit einer Million Besuchern oder die Air Power mit 250.000 Besuchern ganz deutlich, dass die österreichische Bevölkerung ihr Bundesheer überaus schätzt.
Erwähnen möchte ich auch, das Aufatmen der Bevölkerung in Kärnten und der Steiermark während der Jugoslawienkrise als das Bundesheer im Grenzraum eingetroffen ist, oder die Dankbarkeit der von Unwetter heimgesuchten Familien, wenn das Bundesheer zur Hilfe ausrückt.

Frage: Wie sehen Sie die Kosten bei einem Abgehen von der Wehrpflicht?
Bauer: Ein Berufsheer ist wesentlich teurer – viele Länder in Europa, die auf Berufsheer umgestellt haben, bereuen diesen Schritt bereits. In Studien hat man herausgefunden, dass eine Freiwilligenarmee in Österreich jedenfalls teurer als ein Mischsystem mit allgemeiner Wehrpflicht käme. Man müsste mit höheren Gehältern am freien Markt rekrutieren und letztlich für eine Armee mit rund 23.000 benötigten Berufsoldaten (ohne das zusätzlich benötigte Verwaltungspersonal) zumindest 1,5 Prozent des BIP aufwenden, um ähnliche Aufgaben erfüllen zu können. Das hieße de facto eine Verdoppelung des jetzigen Budgets von 2,1 auf 4,2 Milliarden Euro.

Frage: Glauben Sie dass es für den Beruf „Einfacher Soldat“ ein großes Interesse gibt?
Bauer: Derzeit haben wir eine gute Nachfrage für den Beruf Offizier oder Unteroffizier. Ganz anders schaut es natürlich aus, wenn jene Leute, die nicht ihr ganzes Leben beim Militär verbringen wollen, dann beim Heer nur für eine bestimmte Zeit als einfacher Berufssoldat ohne Aufstiegschance Verwendung finden könnten. Ganz automatisch wären wir mit einem anderen Bildungsaufkommen als beim Wehrpflichtigen konfrontiert und aus Umfragen wissen wir, dass das Interesse weit unter dem Bedarf liegen würde. Ich bin überzeugt, dass wir dann zwar die Stärken für Auslandseinsätze erreichen könnten, aber die von der Bevölkerung so sehr geschätzten Hilfeleistungen im Katastrophenfall nicht mehr in dem Umfang abdecken könnten, wie bisher. Derzeit verfügt das Bundesheer über 16.500 Berufssoldaten sowie 9.000 Zivilbedienstete, die für eine Mobilmachungsstärke von 55.000 Mann zuständig sind. Dazu kommen ca. 25.000 Grundwehrdiener pro Jahr für die Einsätze im Katastrophenfall und als Nachwuchs für die Miliz und die Mobilmachungsstärke aber auch für unser Aktivkader, ohne die wir die derzeitigen Aufgaben nicht erfüllen könnten.

Frage: Warum glauben Sie gibt es denn jetzt diese Diskussion über das Abschaffen der Wehrpflicht?
Bauer: Politische Parteien neigen dazu, dem Wähler nach dem Mund zu reden und natürlich ist es naheliegend eine junge Wählergeneration auf die eigene Seite zu ziehen, in dem man ihr in Aussicht stellt, nicht mehr einrücken zu müssen. Aber die Sicherheit des Staates darf sich nicht an allgemeiner Befindlichkeit oder gar Sparzwängen orientieren, sondern muss nach strategischen und sicherheitspolitischen Richtlinien geplant werden, wozu die Wehrpflicht aus staats- und gesellschaftspolitischer Sicht als unabdingbar erscheint.

Interview mit Generalmajor Mag. Herbert Bauer erschienen in der Zeitschrift der GÖD/Tirol und des Tiroler Kameradschaftsbundes

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